Spotmarkt, Terminmarkt und PPA: Wie Strompreise entstehen und welche Rolle erneuerbare Energien spielen
Wie entsteht eigentlich der Strompreis – und welche Rolle spielen Spotmarkt, Terminmarkt und Power Purchase Agreements? Dieser Fachartikel erklärt die wichtigsten Handelsformen am Strommarkt, zeigt den Einfluss von Wind- und PV-Anlagen und ordnet aktuelle Preisentwicklungen sachlich ein. Ideal für Betreiber erneuerbarer Energieanlagen und gewerbliche Stromverbraucher, die den Markt besser verstehen möchten.
16/12/2025
Strom ist jederzeit verfügbar – doch wie er beschafft wird, welche Märkte dahinterstehen und wie sich Preise bilden, ist für viele Betreiber von Photovoltaik-, Wind- und anderen EE-Anlagen sowie für gewerbliche Verbraucher nicht auf den ersten Blick transparent. Dieser Fachartikel erklärt neutral und faktenbasiert, wie der Stromhandel über Spotmarkt, Terminmarkt und Power Purchase Agreements (PPA) funktioniert, welche Besonderheiten für erneuerbare Energien gelten und warum sich die Marktlogik in den letzten Jahren spürbar verändert hat.
1. Was ist die Strombörse – und wofür wird sie genutzt?
Die Strombörse ist der zentrale Handelsplatz für elektrische Energie. Hier treffen Angebot und Nachfrage zusammen: Energieversorger, Direktvermarkter, Händler und große Verbraucher kaufen und verkaufen Strom für unterschiedliche Zeiträume.
In Europa existieren mehrere Handelsplätze. Für Deutschland besonders relevant sind die European Energy Exchange (EEX) und die EPEX SPOT. Daneben spielt auch Nord Pool eine wichtige Rolle im europäischen Verbund.
Wichtig: Nur ein Teil des Stroms wird tatsächlich an Börsen gehandelt – Schätzungen gehen von rund 25 % aus. Der Großteil wird bilateral im sogenannten OTC-Handel (Over the Counter) direkt zwischen Marktteilnehmern abgeschlossen. Dennoch sind Börsenpreise der zentrale Referenzpunkt für den gesamten Strommarkt.
2. Spotmarkt: Kurzfristiger Stromhandel mit hoher Dynamik
Der Spotmarkt deckt den kurzfristigen Strombedarf. Er ist besonders relevant für den Ausgleich von Prognoseabweichungen – etwa wenn Wind- oder PV-Anlagen mehr oder weniger Strom liefern als erwartet.
Day-Ahead-Markt
Im Day-Ahead-Handel wird Strom für jede Stunde des folgenden Tages gehandelt.
Gebotsfrist: in der Regel bis 12:00 Uhr
Handelsform: anonyme Auktionen
Produkte: einzelne Stunden oder Stundenblöcke
Der Preis entsteht dort, wo sich Angebots- und Nachfragekurve schneiden – der sogenannte Markträumungspreis.
Intraday-Markt
Der Intraday-Handel erlaubt sehr kurzfristige Anpassungen:
Handel bis wenige Minuten vor Lieferung
Produkte meist in 15-Minuten-Intervallen
Gerade mit dem starken Ausbau erneuerbarer Energien hat dieser Markt stark an Bedeutung gewonnen, da er Flexibilität für wetterbedingte Einspeiseschwankungen bietet.
3. Das Merit-Order-Prinzip: Wie sich Börsenstrompreise bilden
Zentral für den Spotmarkt ist das Merit-Order-Prinzip. Es ordnet Kraftwerke nach ihren Grenzkosten:
Erneuerbare Energien (Wind, PV) mit sehr niedrigen Grenzkosten
Lauf- und Speicherkraftwerke
Fossile Kraftwerke (Gas, Kohle) mit höheren Kosten
Das teuerste noch benötigte Kraftwerk bestimmt den Preis für alle Marktteilnehmer. Dieser Mechanismus erklärt, warum erneuerbare Energien einen preisdämpfenden Effekt haben – gleichzeitig aber auch, warum hohe Gaspreise in der Vergangenheit zu starken Strompreissteigerungen geführt haben.
4. Terminmarkt: Planungssicherheit durch langfristige Beschaffung
Der Terminmarkt richtet sich an Marktteilnehmer, die ihre Strompreise langfristig absichern möchten. Hier wird Strom Wochen, Monate oder sogar Jahre im Voraus gehandelt.
Typische Produkte sind:
Week-Futures
Month-Futures
Quarter-Futures
Year-Futures
Vorteile:
Hohe Planbarkeit
Geringes Preisrisiko
Stabilität für Industrie und Großverbraucher
Nachteile:
Mindestabnahmemengen (meist ab 1 MW)
Keine kurzfristige Reaktion auf fallende Preise möglich
Gerade für kleinere Verbraucher oder flexible EE-Erzeuger ist der Terminmarkt daher oft nur indirekt relevant.
5. Wichtige Strombörsen in Europa
Für den europäischen Stromhandel sind vor allem folgende Börsen von Bedeutung:
European Energy Exchange (EEX) – Schwerpunkt Terminmarkt, Sitz in Leipzig
EPEX SPOT – Day-Ahead- und Intraday-Handel in vielen europäischen Ländern
Nord Pool – führend in Nord- und Osteuropa
Ergänzt werden diese durch regionale Börsen wie die EXAA (Österreich) oder nationale Märkte in Italien, Großbritannien oder Ungarn. Zusammengenommen bilden sie das Rückgrat des europäischen Strompreis-Signals.
6. Energiekrise und Preisentwicklung: Lehren aus den Jahren 2021–2024
Die Jahre 2021 und 2022 markieren einen Wendepunkt:
Nach der Corona-Pandemie stieg die Stromnachfrage stark an
Der massive Anstieg der Erdgaspreise führte 2022 zu extremen Börsenpreisen
Am Spotmarkt wurden zeitweise Preise von über 230 €/MWh erreicht. In den Folgejahren entspannte sich die Lage, doch das Vorkrisenniveau wurde bislang nicht wieder erreicht.
Experten erwarten:
Langfristig sinkende Preise durch den Ausbau erneuerbarer Energien
Gleichzeitig höhere Volatilität
Ein neues Gleichgewicht auf höherem Niveau als vor 2020
7. Einfluss von Wind- und PV-Anlagen auf den Strommarkt
Erneuerbare Energien haben heute einen dominanten Einfluss auf den Stromhandel:
2023 stammten erstmals über 50 % des Stroms aus erneuerbaren Quellen
2024 lag der Anteil bereits bei rund 60 %
Photovoltaik erreichte ein Rekordniveau, Windenergie bleibt wichtigste Quelle
Effekte auf den Markt:
Sinkende Preise bei hoher Einspeisung
Zunehmende negative Preise bei Überangebot
Stärkere Preisschwankungen insgesamt
Für Betreiber von PV- und Windanlagen bedeutet das: Marktkenntnis und Vermarktungsstrategie werden immer wichtiger.
8. Bedeutung für gewerbliche Verbraucher und Anlagenbetreiber
Für Endkunden ist der Börsenstrompreis nur ein Teil des Gesamtstrompreises. Hinzu kommen:
Netzentgelte
Steuern und Abgaben
Risikoaufschläge der Versorger
Während sinkende Börsenpreise grundsätzlich entlasten können, steigen andere Kostenbestandteile – insbesondere für Netzstabilität und Versorgungssicherheit.
9. PPA: Strombeschaffung jenseits der Börse
Power Purchase Agreements (PPA) gewinnen vor diesem Hintergrund an Bedeutung. Dabei handelt es sich um langfristige Stromlieferverträge zwischen Erzeugern erneuerbarer Energien und Abnehmern – ohne klassischen Börsenhandel.
Vorteile von PPAs:
Preisstabilität über mehrere Jahre
Direkte Kopplung von Erzeugung und Verbrauch
Absicherung gegen hohe Marktvolatilität
Hohe Transparenz
Gerade für Betreiber von Photovoltaik- und Windanlagen sowie für stromintensive Unternehmen können PPAs eine strategische Ergänzung oder Alternative zu Spot- und Terminmarkt sein.
Fazit
Spotmarkt, Terminmarkt und PPAs erfüllen unterschiedliche Funktionen im Stromsystem. Während der Spotmarkt kurzfristige Flexibilität bietet und der Terminmarkt Planungssicherheit schafft, ermöglichen PPAs stabile, langfristige Partnerschaften zwischen Erzeugern und Verbrauchern.
Mit dem weiter wachsenden Anteil erneuerbarer Energien wird:
die Volatilität an den Börsen zunehmen,
der Wert von Flexibilität steigen
und die strategische Stromvermarktung immer wichtiger.
Für Betreiber erneuerbarer Energieanlagen ist es daher entscheidend, die Marktmechanismen zu verstehen und die passende Vermarktungsform zu wählen.
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